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Weihnachten in Berlin

Weihnachten in Berlin

Auch für den Protagonisten Christian aus „Die Brasserie“ bricht die Weihnachtszeit an. Lesen Sie, wie schön Weihnachten in Berlin sein kann.

 

Die ganze Stadt war weihnachtlich geschmückt, gerade der Ku’damm mit seiner Beleuchtung bot zum Abend hin eine tolle Kulisse. Vorher mussten sie für Carole eine Winterjacke finden, denn es war tatsächlich kalt geworden. Nicht, dass sie kalte Tage nicht auch aus Frankreich kannte, aber die minus zehn Grad waren für sie eindeutig ungewohnt.

Gut eingepackt in ihre neue Jacke führte er sie auf seinen Lieblingsweihnachtsmarkt. In guter Tradition strahlten die weißen Zipfel des Weihnachtsmarktes vor dem Schloss Charlottenburg schon von Weitem.

Gut, dass seine Wohnung in der Nähe lag und er nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war. Denn Edda, die dazustoßen wollte, verspätete sich, was, wie sie später schimpfend preisgab, an den vielen Bekloppten lag, die ebenfalls zum Weihnachtsmarkt wollten und sich in den überfüllten Bussen stapelten. Dass sie selbst einer der Bekloppten war, schien ihr nicht bewusst zu sein.

Da sie sich an der großen Bühne treffen wollten, standen Carole und Christian dort schon eine Weile und Carole konnte das deutsche Weihnachtsliedgut kennenlernen. Die mehr oder weniger gute Interpretation des Seniorenchors von O Tannenbaum schien zumindest einige Liebhaber zu finden, die ihrerseits in das schiefe Gebrumme mit einstimmten. Es war eindeutig Zeit für einen Himbeerglühwein.

„Kennst du die Dame?“, fragte Carole, als Christian mit den zwei Glühweinen zurückkam. Christian, der ein natürliches Talent hatte, jeden vollzuschwafeln, war über die Jahre mit einigen der Budenmitarbeitern bekannt. Das hatte manchmal Vorteile, wenn die Schlange lang war und er von der anderen Seite zuerst bedient wurde, aber auch seine Nachteile, wenn man an keinem der Glühweinstände vorbeikam, ohne schon gefragt zu werden, wie viele es denn sein sollten.

Mit den leeren Glühweingläsern standen die beiden noch vor der Bühne und lauschten der lieblichen Stimme der Solistin eines Frauenchors, wie sie die Stille Nacht einläutete. Die stille Nacht schienen sich so einige bei der Darbietung zu wünschen, denn der Platz vor der Bühne leerte sich. Da kam Edda endlich.

„Schätzchen, da seid ihr ja. So eine Tortur. Dass die Leute aber auch immer zu dumm sind, aus den Bustüren zu gehen.“

Carole hatte die beste Idee überhaupt.

„Christian, wo gibt es den nächsten Glühwein?“ Schon waren die Meckertiraden verstummt und Edda wusste, was sie wollte.

„Nein, Schatz, erst mal eine Birne! Chris?“

Christian verstand seine Mutter. Ohne weitere Worte verschwand er und kam kurz danach mit drei randvollen Schnapsgläschen wieder. Wie sich für Carole zeigte, war die „Birne“ eine in Williamsbirnenbrand eingelegte Minibirne. Gute Idee, wenn man noch vor einer richtigen Mahlzeit erst mal mit einer Birne anfing. Immerhin hat Obst ja Vitamine, dachte Christian.

Er brauchte was zu essen und überzeugte Carole, auch eine der würzigen Krakauer, die über Feuerholz gegrillt wurden, zu nehmen. Es schien ihr zu schmecken, auch wenn sie sich beklagte, dass der erste herzhafte Biss in die Wurst ihren Gaumen verbrannt hatte.

„Anfängerin!“, lachte Christian.

In einem der Zelte mit dem Kunsthandwerk und Klimbim für zu Hause blieb Carole an einem Seifenstand mit Marseiller Seife stehen und war erstaunt über die horrenden Preise, die der Standbetreiber verlangte. Sie erklärte Christian, dass jeder seine Seife Marseiller Seife schimpfen durfte. Und trotzdem – an dem Fläschchen, in das man Badezusatz füllen konnte, kam sie nicht vorbei. Es war ja so französisch.

Nach so viel Essen und Shoppen gelüstete es Edda nach einem Kirschpunsch mit ordentlich Sprühsahne drauf. Sie hatte sich an dem Stand neben der Seife einen neuen Hut und ein ganz tolles Tuch geholt, das ihrem Outfit den letzten Schliff verleihen würde. Sie musste nur noch das restliche passende Outfit dazu irgendwann finden, denn nach allem, was er von seiner Mutter kannte, mied sie Pastelltöne bislang rigoros. „Bin ich Queen Mum, mein Schatz?“

Die Kirschen in dem Punsch schienen eine schöne Zeit im Rum genossen zu haben. Mit Akribie versuchte Christian, sie aus der stiefelförmigen Tasse zu fischen. Carole genoss es ebenfalls; wahrscheinlich war sie auch schon von Weihnachten berauscht. Im hinteren Teil des Weihnachtsmarkts konnten sie eine Holzkrippe bestaunen, von der Christian letztes Jahr schon dachte, wie gelungen uninteressant sie gewesen sei. Aber wenigstens konnte Carole mal ein Rentier bestaunen, das sich in seinem Gehege nicht mal auf der Stelle hätte drehen können, wäre es nicht gerade von einem talentfreien Zirkusdompteur im Kreis geführt worden.

Ein abschließender Winzerglühwein musste heute genügen, sonst wäre jemand, und es wäre nicht Edda gewesen, wahrscheinlich direkt ins Bett gegangen. Sie hatten ja noch einige gemeinsame Tage im kalten Berlin vor sich.

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